Der junge Mann steht auf
Lukas 7,11-17
Der göttlichste Zug des Menschen ist wohl das Erbarmen.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Jesus und die Seinen kommen gerade von Kafarnaum, begeleitet von einer großen Menge. Die Heilung des auf Tod und Leben darniederliegenden Knechtes eines römischen Hauptmanns bewegt in diesem Augenblick die Herzen der Menschen. Es ist fröhliche lebensbejahende Stimmung in den Herzen der Menschen. Wie auch nicht? Endlich ist der Todesglaube gebrochen. So jedenfalls berichtet es Lukas.
Kurz vor Erreichen des Stadttors von Nain begegnet ihnen ein Leichenzug, dem gleichfalls eine große Menge folgt.
Der Tote ist ein junger Mann, der einzige Sohn seiner Mutter, und die war Witwe.
Mehr wissen wir nicht. Aber ich stelle mir die Szene ins Bild gebracht vor: hier der Zug des Todes, Menschen voller aufrichtiger Teilnahme, die ehrliches Mitgefühl empfinden, aber ohnmächtig sind gegenüber der Macht des Todes. Dort der Zug des Lebens, der eine Spur von heilenden Taten und heilenden Worten erlebt hatte.
Würden sie sich aus dem Weg gehen, in diesem Augenblick: der Zug des Todes und der Zug des Lebens?
Sie weichen einander nicht aus.
Der Zug des Lebens tritt nicht pietätvoll einige Schritte zurück, um den Zug des Todes passieren zu lassen. Er schließt sich aber auch nicht den Trauernden an.
Bemerkenswert was geschieht: Der Zug des Lebens bringt den Zug des Todes zum stehen:
Jedes Wort möchte ich betrachten, verweilen will ich Augenblick für Augenblick:
Als der Herr die Witwe sah, ward ihm weh um sie. Und er sprach zu ihr: weine nicht! Er trat hinzu und hielt den Sarg fest. Die Träger blieben stehen, und er sprach: Junger Mann, ich sage dir: wach auf!
Es ward ihm weh um sie: Was er da sah erschütterte ihn bis ins Mark. Weil er die Tränen der Witwe nicht ertragen konnte, stellte er sich dem Tod in den Weg. Und er schrie den Toten an: Wach auf!
Alle meine Übersetzungsversuche stottern, und doch lese ich:
Junger Mann, du hast kein Recht zu sterben, um deiner Mutter willen! Doch genau das geschieht jeden Tag. Söhne sterben.
Es ist völlig belanglos, warum er gestorben ist.
Der Tod so übersetze ich, darf das Recht nicht haben Menschen in den Schmerz der Trauer zu ziehen.
Also wach auf Tod. Werde neu lebendig, was eben gestorben ist.
Und ich frage mich: wie oft wird das gehen. Die Tochter des Jairus, Lazarus, der junge Mann von Nain. Alle neu ins Leben gerufen. Und Spötter werden sagen: Ins Leben gerufen, um wieder zu sterben.
Und doch ist der Witwe der Sohn zurück gegeben!
Mag sein die Trauer ist genommen für einen kurzen Augenblick.
Mag sein für ein Auskommen, dass ihr sonst verwehrt geblieben wäre.
Mag sein. Aber es bleibt Leben auf Zeit.
Und wieder die Spötter schreien: Lass es doch bleiben, diesen verzweifelten Versuche am Leben festzuhalten. Am Ende besiegt dich der Tod.
Und mit Vehemenz höre ich Jesus schreien: Ich glaube nicht an den Tod!
Viel zu früh gebt ihr euch mit dem Tode ab, woran ich nicht glauben will.
Ihr lebt alles nur auf Zeit. Beziehungen auf Zeit, Glück für Sekunden. Und jeder bringt jeden ein Stück weit um.
Erst ist die Witwe mit dem Tod ihres Mannes beinahe dem Tode geweiht. Schließlich verliert sie allen Schutz und jedes Recht eigenständig zu leben. Dann bemächtigt sie sich ihres Sohnes, meinetwegen aus Fürsorge und Liebe, schlussendlich aber doch beraubt sie ihn seiner Jugend. In ihrem Sinne wird sie gar nichts falsch gemacht haben. Sie wird versucht haben dem Sohn den Vater zu ersetzen, ihn zu pflegen und großzuziehen, so gut sie konnte.
Sie wird nicht gewollt haben und nicht gemerkt haben, dass sie mit ihrer Liebe wirken wird wie der Tod selber.
Witwe zu sein bedeutet damals nun mal: völlig Mittellos zu sein, es bedeutet in Armut und schutzlos zu leben, es bedeutet ohne Unterhalt zu sein, und nicht zu wissen, wovon man leben soll.
Soll man ihr verdenken, dass sie sich an den Sohn klammert wie zum Ersatz für Ihr gestorbenes Leben.
Mag sein, dass er ihr Trost ist in Stunden der Traurigkeit. Mag sein, dass sie darauf zählt, dass er sie schützt und ernährt, wenn er einst erwachsen sein will. Mag alles sein.
Es kann aber auch sein, dass ihr ganzer Umgang, alle Fürsorge und Nähe, schlussendlich mit dafür verantwortlich ist, dass er am Ende selbst wie tot ist, nie zum eigenen Leben kam, weder Freiheit verspürt hat, noch seinen eigenen Weg suchen durfte.
Er wurde zum Garant ihrer Zukunft, das mag ihn umgebracht haben.
Mag sein was will: Jesus herrscht ihn in einer Sprache an, die alle Toten endgültig wachrütteln soll.
Junger Mann, ich sage dir: wach auf!
Steh auf deinen eigenen Füssen. Mache dich los von jeder Umklammerung. Brich auf, und beginne dein Leben.
Erst jetzt, aufgerüttelt zum Leben, kann Jesus ihn seiner Mutter zurückgeben.
Er muss nicht mehr sterben an den Erwartungen anderer. Er kann der Mutter ja aus freien Stücken geben, was sie zum Leben braucht.
Es ist im Leben immer die Frage, wer aus welchen Motiven heraus handelt, denkt und lebt, oder eben stirbt.
Und ganz am Ende, entscheidet eben mein Glaube darüber, ob mir das ganze Leben zum Sterben ist, oder zum Leben.
Wer an den Tod glaubt, mag schon hier und heute sterben, weil es schlussendlich gar keinen Sinn macht, ob ich gelebt habe.
Oder ich glaube an das Leben. Dann aber an ein Ewiges. Und nur so werden mir die Augenblicke des Lebens wertvoll, weil sie Bestandteil oder Angelt des Ewigen sind.
Ich mag auch nicht mehr von Ewigkeit sprechen, weil meine Erfahrung auch mehr den Tod kennt. Aber ich mag reden über die Kostbarkeit des Augenblicks, den zu verlebendigen ich jeden Tag neu erwache.
Die Totenerweckungen, deren Zeuge wir in den Evangelien werden, sind wie ein genereller Protest gegen das Sterben überhaupt.
Und das lese ich: die Aufforderung und den langen Atem uns täglich neu dem Sterben in den Weg zu stellen.
Rede nicht von Bleibendem, auch nicht von einer ewig andauernden Liebe, hat mir ein junger Mensch einmal gesagt.
Und ein Blick ins gelebte Leben scheint dem Recht zu geben. Wir sind umgeben von sterbenden Zusagen und verlogenen Bleibeparolen.
Und weil ich so nicht mehr leben will, stelle ich mich dem Sterben in den Weg.
Einen Tag kann ich überblicken. Einen Tag gestalten ohne Lüge. Einen Tag mag ich glauben an das Leben und an die Liebe. Mehr gelingt mir nicht.
Und darum werde ich es auch immer nur für den heutigen Tag versprechen, so wie einst als wir um Brot baten zum Leben. Da galt die Zusage auch, je fürs tägliche Leben, ein Brot.
So verschenke ich jeden Tag neu, meine Liebe für einen Tag, und es ist und bleibt: Protest gegen den Tod.
Prälat Michael H.F. Brock


